Dazwischen bemühen sich interne Guides, die Reisegesellschaft wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Meist mit wenig Erfolg. Nur die agilen Pioniere im Unternehmen sind meilenweit voraus und wundern sich, warum ihnen keiner nachfolgt. Ganz allein kommen auch diese Abenteurer im agilen Dschungel nicht zurecht. Hat doch die Hauptreisegesellschaft den überlebenswichtigen Proviant wie Budgets und Einkaufsfreigaben im Gepäck.

Auch in diesen Situationen besteht noch Hoffnung. Obwohl meine Arbeit dann eher einem Kriseneinsatz gleicht. Soweit muss es aber gar nicht erst kommen, wenn Führungskräfte wichtige Erfolgsfaktoren der agilen Transformation von Beginn an beachten. Hier ein paar Tipps, erläutert mit Beispielen aus meiner Praxis, wie Sie mit Ihrem Team zügig ans Ziel kommen.

Eva Ayberk - Don’t get lost in Agile Transformation!

1. Fahren Sie selbst mit klarem Blick!

Kennen Sie eine Situation wie diese? Als Manager ist Ihnen ganz klar bewusst, dass es in einem komplexen Umfeld andere Wege der Unternehmenssteuerung und -organisation braucht.

Sie setzen sich deshalb differenziert und kritisch mit Agilität auseinander und bauen eigenes Know-how auf. Sie lassen sich nicht von Hochglanzangeboten blenden, die Pauschalreisen zum Traumziel Agilität verkaufen. Sie sehen: Die Leichtgläubigkeit, die aktuell rund um das Buzzword „agil“ herrscht, führt dazu, dass so manche dieser Trips ähnlich enttäuschend enden wie Verkaufsreisen mit unseriösen Gewinnversprechen. Sind es dort nutzlose und überteuerte Angebote, so sind es hier agile Standardlösungen, die sich als wertlos herausstellen.

Steigen Sie erst gar nicht ein in den Bus der agilen Verlockungen, sondern fahren Sie selbst mit Hausverstand und gesundem Urteilsvermögen!

2. Keine finale Destination, sondern ein ständiges Fortbewegen

Agilität ist keine Destination, sondern eine permanente Reise. Den perfekten agilen Zustand gibt es nicht. Suchen Sie daher keine agile Traumdestination, sondern trainieren Sie die die Beweglichkeit im Unternehmen! Agilität im besten Sinne bedeutet Fortbewegung, angepasst an die jeweiligen Gegebenheiten.

Beginnen Sie mit einem Fitnesscheck durch radikales Hinterfragen, was derzeit die Entscheidungen verlangsamt, den Fokus auf den Kunden verhindert und Innovation bremst. Damit gewinnen Sie wichtige Erkenntnisse und können dort ansetzen, wo der größte Hebel ist. Die agilen Touristenfallen können Sie dann getrost auslassen. Sie steuern dorthin, wo es für Ihr Unternehmen gerade am passendsten ist.

3. Achten Sie auf die Flughöhe

Im Flugverkehr gehen wir davon aus, dass jeder Pilot genau Bescheid weiß, auf welcher Flughöhe er unterwegs ist. Im agilen Reiseverkehr dürfte das nicht so klar sein. Denn ich erlebe immer wieder die wildesten Kollisionen, oft mit beträchtlichen Schäden.

Der Grund: Bei der agilen Transformation gehen die Vorstellungen meist sehr auseinander. Die einen meinen die Anwendung von agilen Methoden und das Bilden von agilen Teams, wieder andere die Veränderung des Mindsets oder der Unternehmenskultur. Und die Anhänger der agilen Skalierung träumen gar von der 100%ig agilen Organisation. Letztere ist mir in der Praxis noch nicht untergekommen.

Die Zusammenstöße und damit die Konflikte entstehen dadurch, dass nicht von Anfang an geklärt wird, was mit „agil“ und mit einer „agilen Transformation“ überhaupt gemeint ist. Bevor Sie abheben, stimmen Sie sich mit Ihrer Crew ab und entwickeln Sie ein gemeinsames Bild für Ihre Navigation. Lassen Sie sich dabei von einem versierten Lotsen begleiten, der Ihnen die Schönheiten und Gefahren der unterschiedlichen agilen Flughöhen verlässlich näherbringen kann.

4. Vergessen Sie Ihre Reisegruppe nicht

Im Unternehmen dürfen Sie in der agilen Transformation nicht alleine sein. Stellen Sie sicher, dass alle Reisebegleiter auch wirklich mit dabei sind. Das betrifft nicht nur deren physische Anwesenheit, sondern auch deren Commitment auf sachlicher und vor allem emotionaler Ebene.

Kommunizieren Sie Sinn und Zweck der Reise. Wenn wir wissen, warum wir uns bewegen (müssen), fällt vieles schon leichter. Sollten Sie selbst nicht genau wissen, warum Sie unterwegs sind auf dem agilen Weg, halten Sie an und richten Sie ihren Blick auf den Horizont. Entwerfen Sie ein gemeinsames, attraktives Zukunftsbild für Ihr Unternehmen. Dieses wirkt wie ein Kompass und hilft, die Richtung Ihrer Reise zu bestimmen.

5. Kein Übergepäck

Neben der prinzipiellen Bereitschaft braucht es auch ganz praktische Vorkehrungen. Das beginnt mit dem Faktor Zeit. Sehr oft besteht die irrige Annahme, dass eine agile Transformation im Unternehmen so nebenbei erledigt werden kann. Verabschieden Sie sich von dieser Vorstellung! Wie jede Veränderung braucht es Zeit für die Umstellung und Gelegenheit zum (Er-)Lernen.

Zeitliches Übergepäck bedeutet nämlich Überforderung und schnelle Übermüdung der Reisenden. Diese stellen dann womöglich die Reise selbst in Frage. Damit es gar nicht so weit kommt, schaffen Sie für die Transformation passende Rahmenbedingungen. Das gilt auch für die Infrastruktur wie Räume und die wichtigsten (technischen) Hilfsmittel.

Nehmen Sie auf Ihrer agilen Reise nur so viel mit, wie Sie und Ihr Team tragen können. Ein aufgeblasenes Transformationsprojekt schränkt Ihre Mobilität ein und zwingt Sie unter Umständen, am Weg Ballast abzuwerfen. Das verursacht unnötige Kosten.

6. Vom Chauffeur zum Reiseleiter

Führungskräfte stellen sich bei der agilen Reise am besten gleich auf die Veränderung ihrer eigenen Rolle ein. Am Anfang sitzen Sie noch am Steuer und lenken selbst in die jeweilige Richtung. Wenn Sie gut unterwegs sind, können Sie bald auf den Reiseleiterplatz wechseln. Sie behalten die Übersicht, setzen Prioritäten, sorgen für die passenden Rahmenbedingungen und erkennen Hindernisse. Die operative Steuerung übernimmt Ihr Team. Das lässt Ihnen auch mehr Zeit, wieder den strategischen Ausblick zu genießen und am Horizont neue Business-Chancen zu entdecken.

In größeren Unternehmen fährt ja meist nicht nur ein Fahrzeug, sondern eine ganze Flotte in die agile Transformation. Dann gilt es, die gegenseitigen Abhängigkeiten zu berücksichtigen. Stellen Sie sicher, dass Sie alle in dieselbe Richtung unterwegs sind. Beachten Sie, dass eine höhere Geschwindigkeit eines Gefährts oft dazu führt, dass am Rastplatz erst recht wieder auf die anderen gewartet werden muss. Das kann frustrieren und zu Ungeduld führen. Und wenn Sie in unwegsames agiles Gelände kommen, verliert man sich dann womöglich aus den Augen. Mit den eingangs beschriebenen Effekten.

Einer ausgewogenen Flottensteuerung kommt damit eine hohe Bedeutung zu. Für den Reiseleiter bleibt in der agilen Transformation also noch viel zu tun. Wichtig dabei: Widerstehen Sie dem Reflex, bei jeder Kleinigkeit sofort ins Lenkrad zu greifen! So mancher agile Unfall wird nicht durch einen Fahrfehler, sondern durch unangemessenes Führungsverhalten verursacht.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gute agile Reise!